00:00:05: Literaturhaus Bremen, der Podcast.
00:00:09: Hallo und herzlich willkommen zur neuen Folge des Literaturhauspodcastes mit Frieda Ahrens.
00:00:13: Und zu Gast in dieser Folge ist Julia Weber.
00:00:15: Herzlich Willkommen, Julia!
00:00:19: Für alle die zuhören und nicht so richtig wissen wer du bist stelle ich dich kurz vor.
00:00:23: Ich habe ein bisschen recherchiert.
00:00:24: wenn da Fehler sich einschleichen dann unterbricht mich gerne direkt.
00:00:28: Du bist Schriftstellerin und wohnst in der Schweiz.
00:00:30: Und dort hast du auch literarische Schreiben einem Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert, und dein erster Roman erschien im Jahr siebzehn.
00:00:38: Er heißt immer ist alles schön!
00:00:40: Der wurde auch mehrfach ausgezeichnet.
00:00:42: Dann kamen im Jahr zwanzigtein Buch Die Vermengung.
00:00:45: Jetzt in diesem Jahr das Buch Weil ich Ruth bin über das wir heute sprechen wollen.
00:00:49: Das als kleines Intro.
00:00:51: Normalerweise versuche ich am Anfang dieser Folgen dann für die Hörerin immer so ein bisschen grob zu skizzieren, worum es in den Buch geht.
00:00:57: Und das fällt mir bei deinen Buchen ausgesprochen schwer!
00:01:02: Es war auch...es ist auch ganz witzig hier während des...es war ja so ein schöner Sommer und ich saß ein paar Mal im See mit Freunden habe dein Buch gelesen und hab auch ein bisschen vorgelesen und wollte davor immer einführen, worums geht oder an welcher Stelle wir gerade sind.
00:01:13: Das ist gar nicht so einfach bei deinem Buch.
00:01:15: Ich versuch's jetzt mal grob.
00:01:19: die man begleitet von der Kindheit an und Ruth kommt mit Fell zur Welt.
00:01:25: Und im Laufe des Romans verliert sie dann das Fell, man ist sich nicht ganz sicher wann, ich würde sagen es fällig mit so acht neun Jahren irgendwie so.
00:01:33: Dann kommen aber auch andere Besonderheiten dazu, die sie hat und zwar ist einer dass Ruth Menschen in Tiere verwandeln kann.
00:01:39: Das hört sich jetzt alles super über natürlich an Es ist aber ja gar nicht in irgendeiner Weise ein Fantasy-Roman oder irgendwie... in diese Richtung.
00:01:47: Deswegen meine erste Frage, was für eine Welt wolltest du da denn skizzieren?
00:01:51: Ich habe es mir gar nicht so genau überlegt.
00:01:55: also wie eigentlich bei vielen was man schreibt betrifft das auch immer wieder ein bisschen schwierig ist wenn man sagt ja ich weiß es ist also sie auch nicht einfach so entstanden dass hat dann wieder sowas komisch irgendwie als hätte ich mit meinem eigenen schaffen gar nichts zu tun.
00:02:12: aber ich hab mich nicht irgendwie vorgenommen eine bestimmte welt zu skizzieren oder zu beschreiben.
00:02:18: Und deswegen finde ich dieses fantastische auch immer wieder, also vorm Am Anfang als das Buch rausgekommen ist war ja auch so erstaunt darüber dass Menschen das jetzt so Fantastisch und so oder wie haben sie Märchenhaft?
00:02:30: Ist auch oft gekommen dachte ich so.
00:02:31: nein aber das meine ich überhaupt nicht.
00:02:34: Ich glaube ich habe eher so versucht eine Welt zu beschreiten in dir etwas mehr möglich ist Als wir es leben weil ich das Gefühl habe, wir eher in einer Gesellschaft leben die Dinge eingrenzt.
00:02:49: Also es ist gar nicht so das Unmögliche sondern vielleicht könnten wir auch mehr von dieser Magie und diesem Zauber haben den Rot lebt also ein gesteigertes Existieren vielleicht und nicht völlig an einem anderen Ort oder eine andere Welt.
00:03:09: Ich fand es nämlich sehr spannend.
00:03:10: ich hatte überhaupt nicht das Gefühl befinden uns an einem anderen Ort oder in einer anderen Welt.
00:03:16: Und gleichzeitig ist es ja sehr, auch durch die Sprache... Ja ich habe es versucht Leuten zu beschreiben abstrakt vielleicht?
00:03:25: Ich weiß nicht.
00:03:25: also du hast eine Art für das Buch nicht keine sehr sinnliche und poetische Art zu schreiben und auch die Dialoge die stattfinden ist oft haben so eine Art von, ah!
00:03:36: So würden Menschen sich nicht wirklich unterhalten oder jemand in dem Alter würde nicht wirklich sowas sagen.
00:03:41: Also die beschriebenen Szenen haben irgendwie eine totale Distanz zu der Realität, die sie stattfindet und gleichzeitig durch diese poetische Beschreibung und Poesie, die ja ganz anders funktioniert also oft viel emotionaler oder direkter es ist dann doch nicht so distanziert sondern sehr unmittelbar vielleicht Genau, also irgendwie in diesem Spannungsverhältnis bewegt sich so der Text Und ich habe mich gefragt, was da dein Anspruch an einer Authentizität war.
00:04:06: Also genau weil es eben diese beiden Pole irgendwie gibt die so miteinander spielen?
00:04:13: Ja
00:04:13: ja ich glaube über die Dialoge das ist auch irgendwie spannend.
00:04:17: dann bin ich mir gar nicht so bewusst was die für eine Funktion haben oder wie die da rein.
00:04:23: aber sie sind auf jeden Fall ins Buch reingekommen aus dem Grund weil dass dieses extrem Geruch Also das Beschreiben, alles riecht so und alles ist so viel.
00:04:35: Und all diese Bilder wollte ich schon auch einfach ein bisschen etwas Realität hineinbringen.
00:04:41: und so auch Dialoge sind ja auch so verrückt wenn man es versucht so zu beschreiben wie wir wirklich miteinander sprechen gibt's ja so viele Wiederholungen und auch viele Banalitäten einfach indem man so Ja okay gut und immer so hin und her Stück zu diesen sehr intensiven Beschreibungen von Ruth.
00:05:04: Also um es irgendwie auch so ein bisschen vielleicht konsumierbarer zu machen, weil das andere dann irgendwann zu fest stinkt oder zu intensiv wird.
00:05:17: Aber war da in dein Anspruch an dem Text schon dass Menschen den lesen und denken ja da kann ich jetzt um mal so Jugendsprache zu benutzen voll zu relate.
00:05:26: also das fühle ich total.
00:05:29: Ja, das ist natürlich schon ein Wunsch oder so.
00:05:33: Der Anspruch glaube ich generell wenn man etwas... Also man weiß ja nie was man da kreiert weil es ja auch kein Prozess ist.
00:05:41: sozusagen Ich mache einfach etwas und das wird dann von jedem Menschen so wahrgenommen wie ich's produziert habe.
00:05:48: Sondern ich gehe auf die Menschen zu Und die die dann auf mich zukommen und es so verstehen Dann trifft man sich irgendwo.
00:05:55: Bei gewissen Menschen trifft man sich halt nicht, weil die irgendwo ganz anders hinlaufen und ich dann gar nicht mit meiner Sprache zu denen gar nicht hinkommen.
00:06:04: Aber es ist schon so ein ... Ich glaube das Auf-die-Menschen-Zugehen ist so ein bisschen ähnlich.
00:06:12: Stell' ich's mir vor wie auch das Rud im Buch macht Sie geht ja auch auf die Menschen zu und berührt sie aber sie nimmt nicht ihren Zauberstab hervor und sagt Hex hex jetzt bist du eine.
00:06:25: Sondern es funktioniert nur, wenn der andere Mensch mitmacht.
00:06:29: Und in dieser Berührung und auch Zugewandtheit und irgendwie Fürsorge entsteht dann etwas Neues.
00:06:36: So stelle ich's mir mit dem Kunst ein bisschen vor, dass man so irgendwas Neues macht.
00:06:43: Auch Angebotenschaft auf die eventuell eingegangen wird oder nicht?
00:06:47: Genau!
00:06:47: Nach Geschmack vielleicht oder nach Willen?
00:06:50: Genau,
00:06:51: oder Möglichkeiten.
00:06:55: Du machst in deinem Roman ja auch durch verschiedene Figuren, also so Nebenfiguren immer wieder unterschiedliche Teilweise Nehmspielräume oder Themen auf.
00:07:05: Die ja auch das schaffen dass es sich irgendwie ein bisschen in der Realität verankert würde ich sagen zum Beispiel gibt es die Freundin Lou, das ist eine Kindheitsfreundin.
00:07:15: Die hat irgendwie eine S-Störung.
00:07:17: dann gibt's Toni den man auch in der Kindheit kennenlernt wo man irgendwann mit kriegt dass er in einem Haushalt groß wird wo der Vater gewalttätig ist und so.
00:07:26: und das sind ja auch alles Themen die dann sehr schnell sehr real werden weil sie in der Realität einfach so stattfinden.
00:07:33: und wie findet es dir sehr gut gelingt die auch realistisch oder sagen wir mal so darzustellen, wie sie sind trotz dieser poetischen Sprache oder vielleicht auch wegen der poetische Sprache.
00:07:46: Ich hab mich gefragt ob du... Also das geht jetzt ein bisschen weg von der Sprache aber ob du bei diesem erzählen dieser Themen irgendwie einen bestimmten Anspruch hattest, bestimmte Themen reinbringen zu wollen, vielleicht auch so'n feministischem Anspruch genau also wie die Auswahl dieser Nehmenspielräume quasi stattgefunden hat?
00:08:04: Ja auf jeden Fall den feministischen Anspruch hatte ich von Anfang an nicht unbedingt in dem ich mich hingesetzt habe und gedacht hab, ich will jetzt ein feministisches Buch schreiben sondern weil diese Themen mich sowieso in meiner Biografie betreffen.
00:08:22: Und in meinem Umfeld und in meiner Arbeit auch oder sonst irgendwie auch der künstlerischen Arbeit begleiten.
00:08:30: Mit der Figur-Route die innerhalb sehr kurzer Zeit entstanden ist.
00:08:35: auf fünf Seiten habe ich eigentlich schon etwas skizziert was das sozusagen bedingt hat oder was diese Themen dann auch ein bisschen gefordert hat.
00:08:47: Ja, dass ihre Kraft und ihre Art und Weise durch die Welt zu gehen ist ja schon so ... für mich habe ich sie als Vorbild geschaffen, als ein sehr autonomer Mensch.
00:09:04: Sie kann so gut wütend sein.
00:09:06: Und sie hat ganz viele Attribute, die von denen ich das Gefühl habe, die sind mir als Mädchen oder als weiblich sozialisierter Mensch eher aberzogen worden.
00:09:17: und durch diese Vorbildfunktionen und diese Kraft in dieser Weiblichkeit sind dann halt auch automatisch irgendwie die Gegenerzählungen.
00:09:28: hineingekommen.
00:09:29: Also ich habe es nicht skizziert oder irgendwie Dramatur geschwesst gehalten, sondern ich hab sie einfach durch die Welt gehen lassen und dann hat sich diese Figuren gesucht sozusagen.
00:09:42: Ja ich fand's auch spannend weil ich hatte auch das Gefühl Ruth zeigt so eine Figur auf Ja, der vielmehr möglich ist als sagen wir mal einer Frau in unserer, aus seiner weiblichen Soziallease in Person oder in unserer Gesellschaft sonst an die Hand gegeben wird.
00:09:59: Sie hat ganz früh ja schon eine totale Selbstverständlichkeit zu wer sie ist und was sie kann.
00:10:05: Und das... Sie muss ja auch irgendwie damit klarkommen dass auf sie anders geblickt wird wegen dieses Fels was sie am Anfang der Kindheit hat.
00:10:12: Und gleichzeitig ist das ja aber auch... Hat sie auch Fähigkeiten?
00:10:16: Also sie hatten nicht nur Fähigkeiten irgendwie Menschen in Tieren zu verwandeln, sondern merkt immer mal dass sie auch so ein bisschen Situation beeinflussen kann.
00:10:26: Also man ist sich da nicht ganz sicher, ist jetzt gerade was umgekippt weil sie es gemacht hat oder ist das einfach nur so?
00:10:32: Genau also sie hatte irgendwie eine Macht on top die sie ein bisschen angstfrei machen lässt habe ich das Gefühl und das ist ja dann doch etwas was Frauen oft nicht haben leider, weil es ist wie immer noch in einer Gesellschaft lebend wo es naiv wird zu sagen ich gehe einfach angstfrei durch die Welt und will mir schon nichts passieren.
00:10:53: Also dieses Spannungsfeld fand ich auch spannend, weil ich dachte Ruth als Vorbildfunktion aber gleichzeitig auch als unrealistisches Vorbild, weil Ich habe diese Macht einfach gar nicht.
00:11:06: Ja ja auf jeden Fall.
00:11:07: Aber ist es unrealistisch?
00:11:09: Hast du jetzt gesagt das natürlich stimmt eigentlich.
00:11:13: sozusagen, wenn man sich die Gesellschaft anders vorstellt und das Zusammenleben anders vor stellt.
00:11:20: Und die Fürsorge und Zugewandtheitwerte wären, die angestrebt werden würden und nicht Dominanz und irgendwie Stärke- und Rücksichtslosigkeit dann wäre es durchaus eine Möglichkeit.
00:11:37: für weiblich-sortisierte Menschen so behut, durch das Leben zu gehen.
00:11:40: Aber dadurch dass es halt eine andere Gesellschaft ist, hat sie auch was Hexerisches?
00:11:45: oder ist sie auch so eine sauber... Also eben eine Figur, eine fantastische Figur.
00:11:52: aber weil die Welt halt so ist wie sie ist.
00:11:58: Sie ist ja aber auch eine sehr beliebte Figur.
00:12:01: also es ist eine Figurt in ihrer Art total gut ankommt.
00:12:05: Auch die Fähigkeit, die sie hat ist sehr beliebt.
00:12:08: Viele Menschen wollen von ihr verwandelt werden.
00:12:10: also ich hab das auch noch mal erklärt.
00:12:11: Sie verwandeln den Tieren und dann haben Freunde mich immer gefragt.
00:12:14: Ah!
00:12:15: Und es ist cool?
00:12:16: Ich war so ja irgendwie wollen alle machen.
00:12:19: Das ist
00:12:22: aber auch so eine gute Frage.
00:12:24: Ist es cool?
00:12:25: Ja logisch hallo.
00:12:29: Na klar ist es cool.
00:12:30: wer will keine Schnicke
00:12:31: machen.
00:12:33: Genau, und ich glaube es ist ja auch diese Pause des Lebens diesen Menschen so gönnt.
00:12:40: Das ist was die so toll finden daran vielleicht auch mal nicht sich man selbst zu sein sondern eine kleine Auszeit zu haben oder so.
00:12:48: Ich habe mich gefragt Ist das einfach das?
00:12:51: Steht diese Verwandlung einfach dafür menschen sorgsam zum Sorgen und eine Auszeit schaffen?
00:12:58: Hast du dir noch eine Meter darüber gedacht, weil auch dieses Menschen in Tiere verwandeln ist ja ein Motiv was in Literatur und Film ganz oft immer wiederkommt?
00:13:07: Ja ich glaube es gibt schon verschiedene Dimensionen.
00:13:10: Eben einerseits diese Fürsorgliche und dieses überhaupt in so einer Art und Weise miteinander in Berührung kommen, das natürlich auch, weil es ist ja auch an Sexualität Angelehnt, also diese sozusagen die Handhabung oder wie sie das macht ist ja auch irgendwie hat es sexuelle Züge.
00:13:31: Aber gleichzeitig habe ich einfach probiert eine ganz neue und völlig andere Art der Sexualität oder Sinnlichkeit oder auch erotik zu schaffen.
00:13:42: Und da bin ich dann einfach schnell bei der Verwandlung ins Tier.
00:13:44: Ich glaube schon, da geht's auch viel um die Oberfläche der Tiere Diese Bewegungen des Fisches oder der Hummer, diese Punkte mit seinen Fühlen.
00:14:01: So ein Punkt auf der Haut macht das eine Art Wahrnehmung und des Seins, die den Menschen in ihrem Alltag gar nicht möglich ist, weil sie so viel sein müssen und nach vorne, nach hinten denken.
00:14:18: Und deswegen die Verwandlung in Tiere, meine Vorstellung zumindest dass der Esel jetzt irgendwie nie sich überlegt, wie wäre es ein Wurm zu sein.
00:14:29: Das wissen wir natürlich nicht oder ich weiß es nicht.
00:14:32: Aber ich stelle mir so das Dasein der Tiere einfach sehr viel präsent davor als wie es oft sind.
00:14:43: und dann ist es eigentlich nicht nur eine Auszeit der Menschen von ihrem Leben sondern wirklich eine Transformation in ... in vielleicht auch einfach ein wertefreies Dasein, also wo es dann keine Rolle mehr spielt.
00:14:59: Wie man aussieht was für einen Geschlecht man hat, wo man herkommt ja irgendwie wie Altmann ist.
00:15:06: das fällt dann alles weg und dass es dann so eine Art des Daseins Das ich mir irgendwie ja einfach schön vorstelle oder wichtig eigentlich auch in den Begegnungen.
00:15:20: Ich fand es auch spannend, weil ich dann auch mit ... Ich komm mal wieder auf diese Freundin.
00:15:26: Ich hab viel über dein Buch gesprochen.
00:15:27: Das ist ja ein gutes Zeichen
00:15:30: für einen Buch!
00:15:31: Es wurde nämlich auch immer gefragt, ob das was sexuelles hat und ich hab das total verneint direkt.
00:15:38: Weil ich dachte, Körperlichkeit wird intim und körperlich.
00:15:42: Natürlich ist auch viel mit Küssen und so.
00:15:44: Das finde ich muss aber nicht immer direkt Sex bedeuten.
00:15:48: Und ich bin natürlich auch drauf gestoßen, dass es in den Text gut von dir gab.
00:15:54: Der damals für den Ingeborg Bachmann-Preis eingeladen wurde und wo die Jury... Ich hab mir dann noch mal die Jürige besprechen durchgehört, wo's ja wirklich gespalten Meinung zu dem Text gab!
00:16:05: Da ging es aber um eine Prostituierte.
00:16:07: also da hatte dieses Sexthema noch mehr Präsenz würde ich sagen ist das auch eine Entscheidung gewesen jetzt in diesem Buch?
00:16:15: Also erstmal Ich bin so ein bisschen weit davon ausgegangen.
00:16:17: Vielleicht ist es auch falsch, dass mit einer Weiterentwicklung des Textes war dieses Buch jetzt vielleicht auch nur wegen Ruht, wegen des Namens.
00:16:24: aber es ist auch eine Entscheidung gewesen von diesem Sexthema so ein bißchen wegzukommen weil's darum eigentlich gar nicht so geht?
00:16:29: Nein ich glaube das ist umgekehrt.
00:16:31: also ich glaube ich muss ja nochmal kurz ich arbeite schon so lange an diesen Buch und ich weiß gar nicht mehr ganz genau wann genau was gekommen ist aber auf jeden Fall die Verwandlung in die Tiere nicht so nahe jetzt an der Sexualität, das war vorher.
00:16:49: Und ich habe dann für den Bachmannpreis versucht einen Ausschnitt einfach von einer Verwandlung zu nehmen und hab aber in einer Überarbeitung ist dann irgendwann klar geworden dass es irgendwie zu viel ist.
00:17:01: also da sich eigentlich ein Aspekt von diesem Text, dass ich in diese wenigen Seiten einfach nicht soviel reintun kann auf diese Verwandlungen zu blicken, aber halt jetzt ohne die Verwandlung sozusagen.
00:17:19: Weißt du, wo ich war?
00:17:21: Ja,
00:17:21: total!
00:17:22: Dass man das dann rausnimmt als dass es vielleicht auch für so einen kleinen Text eine sehr komplexe... noch eine Komplexität, die dann on top kommt, dann auch noch die Verwandung mit reinzunehmen, so vielleicht?
00:17:32: Genau,
00:17:32: genau!
00:17:34: Und sonst hat für mich die Verwendung ... Das ist nur ein Teilaspekt.
00:17:38: Ich finde es schön wenn Du das sagst.
00:17:40: Für mich hat das auch nicht irgendwie sie hauptsächlich mit irgendeiner Art von Sexualität zu tun, sondern von Zugewandtheit und Liebe.
00:17:51: Und einander wahrnehmen.
00:17:52: Das muss nicht unbedingt direkt das sein.
00:17:55: Aber das ist ja auch spannend.
00:17:56: Wo ist da die Grenze?
00:17:58: Was könnte Sexualität überhaupt auch sein?
00:18:01: Und was macht eine Gesellschaft oder eine Pornoindustrie
00:18:05: z.B.?
00:18:06: Aussexualität, was ja Horror ... Und deswegen habe ich schon versucht, das irgendwie auch mit reinzunehmen um das neu zu beschreiben.
00:18:17: Weil es hat so oft mit Macht zu tun und irgendwelche also komisch absurde Verhältnisse die da hinein gebracht werden.
00:18:27: Von denen habe ich's versucht loszulösen.
00:18:29: Ja ja man kann ja... Also da ist es dann ja auch.
00:18:33: man kann dann ja Sex oder auch Sexarbeit in dieser kapitalistischen Gesellschaft gar nicht ohne Machtdimensionen will sehen, also Sexarbeit ist ja als Thema auch so komplex.
00:18:45: Deswegen habe ich immer gedacht für mich es ist einfacher zu verstehen das hat gar nicht so viel mit Sex zu tun.
00:18:51: Also so hab ich... Ist
00:18:52: das nicht alles auch?
00:18:53: Ja dieses ganze Gewahr war für mich da gar nicht drin sozusagen auch nicht diese Frage von ist dass jetzt Sexarbeit?
00:18:58: was?
00:18:58: für mich glaube ich die frage hat sich mir nicht gestellt sozusagen aber auf.
00:19:04: Ich weiß gar nicht, ob du darüber reden wirst.
00:19:05: Wenn ich, ist es total okay.
00:19:07: Aber ich hatte ja dann das Buch gelesen und habe mir diese Jury-Besprechung angeguckt.
00:19:10: Und dich da sieht man dich auch immer so ein bisschen wie du reagierst.
00:19:13: Und ich hab mich gefragt, wie das so ist?
00:19:15: Weil ich dann auch dachte... Irgendwie ist die Dürre des Bachmannspreises sicher nie immer total einig über die Texte, aber bei dir wurde ja auch viele hin und her gestritten was natürlich vielleicht auch ein schönes Gefühl ist.
00:19:26: Über den eigenen Text so unterschiedliche Meinungen oder Gefühle auszulösen.
00:19:30: Aber wie war das für dich?
00:19:32: Ist es etwas was man dann so mitnimmt Oder ist es eher sowas was man da lässt zu sagen Für die Arbeit?
00:19:38: Ich habe's dort gelassen.
00:19:41: Von Anfang an liegen wir sehr stark versucht, weil ich von Menschen weiß die noch ganz lange irgendwie darunter gelitten haben.
00:19:50: Es kann ja auch desillusionierend sein wenn dann Menschen so unterschiedliche Meinungen sind und man denkt aber eigentlich versuchen wir beim Schreiben doch alle zu erreichen Aber man weiß es ja eigentlich, dass das nicht geht.
00:20:09: Für mich ist was wichtig, das dort zu lassen und zwar natürlich auch viel einfacher weil ich war ja Zuhause und konnte einfach den Computer zuklappen und in den Zürichsee springen Und dann war's auch relativ schnell irgendwie wieder weg.
00:20:24: Ich glaube sonst kennen schon Leute bei denen ist es dann irgendwie zu lange hängen geblieben.
00:20:29: Ja
00:20:31: genau, ich glaub' es ist eine Stärke sich davon freimachen zu können die Kritikpunkte nicht so an sich ranzulassen bzw.
00:20:38: Nicht allen immer gefallen zu wollen vielleicht oder es auch gut zu empfinden wenn Texte nicht allen immer gefallen.
00:20:45: ich finde es ja auch spannend also wenn sich so Sachen reiben das stimmt Du hast ja jetzt, darauf wollte ich noch eingehen.
00:20:55: Das habe ich am Anfang in deinem Intro gar nicht erwähnt.
00:20:57: aber neben deiner literarischen Arbeit nutzt du diese oder sagen wir mal die Literatur auch für soziales Engagement so würde ich es nennen.
00:21:07: Du hast irgendwie einen feministischen Autorenkollektiv rauf.
00:21:10: Hast du mitgegründet?
00:21:12: Du hast mit Gianna Molinari der Konstaktionsgruppe Literatur für das was passiert gegründete.
00:21:18: da macht ihr so kleine Kunst, also Literaturaktion um Geld zu sammeln für Menschen auf Flucht zu helfen.
00:21:25: Und das finde ich irgendwie spannend weil wir gerade auch innerhalb des Romans über wie ist die Gesellschaft zueinander und Fürsorge gesprochen haben.
00:21:31: Ich habe mich gefragt ob du es als Aufgabe der Literatur siehst diese Themen zu verschränken Also dieses soziale Miteinander und das Engagement für dass du dich einsitzt Ob du die Literatur in einer Verantwortungsrolle siehst?
00:21:46: Ja, auf jeden Fall.
00:21:47: Ich glaube, die Kunst an sich ist sozusagen dazu da oder ich finde es meiner Meinung nach würden wir wahrscheinlich Menschen widersprechen.
00:21:58: Aber schon in einem wichtiger Teil davon Räume zu schaffen und die sozusagen begehbar zu machen für andere Menschen und Empathie also jetzt auch gerade in der Literatur irgendwie Menschen zu beschreiben die dann anderen, wenn sie das Buch lesen möglich ist diese Leben und diese Menschen nachzuvollziehen.
00:22:21: Und irgendwie diese Empathie zu üben oder zu erlangen.
00:22:27: ich glaube schon dass das... Das ist ja das soziale Zusammensein und eben Räume auszuweiten also irgendwie wieder mehr Platz zu schaffen überhaupt nachzudenken und lebendig zu sein in Verbindung zu treten.
00:22:44: Ich glaube schon, dass Kunst da eine wichtige Rolle hat... ...in dem.
00:22:50: Aber bei mir gibt es immer so ganz stark Unterschiede zwischen Da will ich jetzt einfach irgendwie politisch mich einsetzen und irgendwas pragmatisch tun Und in der Kunst ist das dann eher ein Kratzen an der Kruste der Welt.
00:23:09: Wenn ich denke, jetzt muss ich irgendwas machen.
00:23:12: Dass alles ändert, dann wird es ganz bestimmt verkrampft und unsinnlich und nicht nachvollziehbar für die Menschen.
00:23:22: oder wenn dieses Ich will irgendetwas drin ist, hab' ich das Gefühl, glauben's die Menschen ja nicht mehr?
00:23:30: Ja.
00:23:30: Ich
00:23:32: bin gespannt, dass du grad zu meiner Kruste sagst, weil das sich so ... Also nicht Gewaltfall, aber weil sie es so ein bisschen auch frustrierend gerade gelesen hat.
00:23:44: Und ich hab grad gedacht du sagst jetzt das ist für mich eher wie so einen Handreichen, weil wir darüber ja am Anfang gesprochen haben Du bietest irgendwie ein Text an und reißt die Hand und mal gucken wer so die Hand nimmt.
00:23:56: Das würde ich also hätte ich in diesem Buch viel eher gelesen auch mit diesen sozialen Themen dass man da anbietet einen Perspektivwechsel einzunehmen oder und eine Hand zu reichen.
00:24:08: Und das ist genau das Gegenteil von mir.
00:24:10: Ja, aber das ist ja eigentlich dann schon wieder das was aus dem Handreichen heraus passiert.
00:24:16: Das meine ich.
00:24:18: Dass sich nicht um irgendwie gesellschaftliche Umwälzungen das Gefühl habt ganze politische Systeme verändern sich durch das was ich in der Kunst mache sondern eben es sind diese kleinen Gesten oder das Handreichen, dass dann aber wieder dazu führt, dass vielleicht an der Kruste der Welt gekratzt wird die wir nicht mehr wollen.
00:24:44: Schön!
00:24:44: Weißt du wie das?
00:24:45: Ja weiterentwickelt.
00:24:50: Ich habe mich auch gefragt wie schwer es dir gefallen ist in die Entscheidung zu treffen, dass Ruth als irgendwie Person mit Magie und Auszeit und einem Weiterdenken oder einer Vorbildfunktion Auch Ruth ist nicht am Ende schafft, alles zu ändern sozusagen oder alles zu retten.
00:25:11: Es macht das Ganze viel realistischer weil natürlich es so ist.
00:25:16: Aber ich habe mich irgendwann gedacht ach Schade und ob es dir schwer gefallen wird irgendwie das dann so zu entscheiden oder ob es überhaupt eine Entscheidung war.
00:25:27: Meistens sind so Schreibprozesse ja, man entscheidet dann gar nicht mehr so viel irgendwann sondern es schreibt sich einfach genau.
00:25:33: aber wie du das so siehst?
00:25:36: Ja genau also sowas.
00:25:38: ich habe es versucht anders zu schreiben und es ging aber nicht.
00:25:42: Aber ich hab relativ lange noch in die Richtung obwohl ich schon gemerkt habe dass ist kein.
00:25:49: Es hat ja etwas Utopisches in diesem Buch, aber es kann nicht zu Ende erzählt werden die Utopie.
00:25:54: Sonst wäre es wieder eine andere Geschichte.
00:25:57: das kannte ich nicht und Ich fand's aber auch schade.
00:26:00: Ich habe es wirklich versucht.
00:26:02: Aber ich glaube es geht auch irgendwie vom Gefühl Was halt noch zu tun ist.
00:26:09: also sonst hätte sich so aufgelöst und ich glaube dass irgendwie Ja das hat dann einfach nicht funktioniert.
00:26:15: aber ich hatte auch irgendwo ein Ein Interview mit einer Journalistin, die war weg.
00:26:21: Die war fast ein bisschen müde.
00:26:24: Nein aber das hättest du doch jetzt machen können und sagen ja, Entschuldigung!
00:26:28: Aber das wiederum ist auch eine Superreaktion.
00:26:31: also auch irgendwie dieses Schade finden hat dann vielleicht mehr Energie als einfach etwas zu erzählen dass er aber noch nicht stattgefunden wird.
00:26:42: Ja ich habe da drin auch glaube ich viel gelesen, dass eine einzelne Person Es macht einen Unterschied, aber auch nicht alles retten kann.
00:26:49: Also dass es irgendwie mehr als eine Person braucht und mehr als ein Individuum, sondern das ist dann vielleicht natürlich auch irgendwie auf systematischen Hilfen ankommt oder irgendwie ... Nicht nur die Gesellschaft als solche, die Menschen, die alle mit anpacken, sondern auch wirklich Systeme, die sich ändern damit Hilfe anders gegeben werden können.
00:27:10: sagen muss man so.
00:27:11: So verklassuliert um hier nichts zu spoilern!
00:27:13: Nein,
00:27:15: aber du hast das genaues muss ich mir merken.
00:27:19: Sehr schön formuliert.
00:27:21: Ja, das stimmt und auch dass Ruth eben dieser Mensch bleibt der sie ist.
00:27:27: Sie soll ja kein Überwesen oder nichts irgendwie unerreichbares sein Und das hat auch nicht funktioniert.
00:27:34: wenn sie das dann allein schafft genau wie du sagst Dann ist es nicht mehr realistisch und mir war's wichtig Ich sehe sie auch, zum Beispiel so ein Eitel.
00:27:43: Also ich fühle sich ja nicht in allen oder jetzt allem feministischen Perspektiven so... Ein Vorbild weil sie auch sehr angst hat davor irgendwie nicht mehr schön zu sein wenn sie alt ist.
00:27:54: und diese Eitelkeit Und das war mir sehr wichtig dass sie so ambivalent ist und nicht einfach so eine eben Heldinnenüberfigur sondern jemand wird es alle auch sein können?
00:28:07: Ja also so ein bisschen die Fehlbarkeit in Ruth auch noch.
00:28:11: Ich hatte auch Momente, wo ich mich mit ihr gerieben hab.
00:28:13: Wo ich dachte, da ist sie entweder sehr streng oder sehr selbstgerecht.
00:28:18: Oder genau wo ich dachte ach, da bin ich jetzt nicht dabei!
00:28:24: Aber das ist ja auch gut wenn man die ganze Figuren denkt super sind wir auch total langweilig.
00:28:33: Ja oder?
00:28:34: Das schimpft sich dann mal.
00:28:35: Sehr
00:28:35: schnell glaube ich auch.
00:28:38: Eine letzte Frage.
00:28:39: Das ist ja so sehr, ich glaube, das interessiert dann vielleicht nur die Menschen, die dieses Buch auch schon gelesen haben.
00:28:44: Aber ein paar Menschen bleiben ja ...
00:28:47: Die Nerd-Farage!
00:28:48: Ein paar Menschenbleiben ja Tiere.
00:28:50: So habe ich es auf jeden Fall verstanden.
00:28:52: Warum?
00:28:53: Also ich hab mich gefragt, ist es teilweise eine Bestrafung oder ist es eine Erlösung?
00:28:57: Das ist sehr gut.
00:28:59: Ich glaub beides aber in einem... Und es ist aber schon sehr eben, dass wer es auch im Moment mit den Routern entscheidet.
00:29:11: Dass diese Figur jetzt ein besseres Leben hat wenn sie einen Mulch ist als wenn sie ein Mensch ist was ich jetzt als Autor in dieses Buches auch nachvollziehen kann dass sie das denkt Aber ob sie das jetzt tun darf oder darüber entscheiden, das ist natürlich Selbstjustiz.
00:29:29: Aber es ist schon einerseits irgendwie will vor allem vermeiden dass diese Figur noch irgendwas Blödes anstellt aber auch nicht bestrafen im Sinne von Schmerzbereiten sondern dann auch ein besseres Dasein.
00:29:47: Das
00:29:48: hat zu sagen ihr Gehen.
00:29:51: Die Figuren, die Tiere werden sozusagen bleiben ja auch bei ihr.
00:29:53: Also sie pflegt die dann ja auch und...
00:29:56: Genau!
00:29:57: Sie sorgt für sie.
00:29:58: Ja.
00:30:00: Super vielen Dank fürs Gespräch Julia.
00:30:03: Sehr gerne
00:30:04: Und danke natürlich auch alle Hörer in die bisher dran geblieben sind für
00:30:07: das Interesse
00:30:08: eurer Zeit.
00:30:09: Vielen dank Julia.
00:30:10: Danke
00:30:12: auch Auf Wiederhören.